| „Straßenkreuze?
– Interessiert mich nicht!“ – das war meine gängigste
Antwort zu diesem Thema. „ Umgeben von Gen – Essen, Drogen
und Missbrauch leben wir sowieso in einem ruinierten Staat – da
kann es nur förderlich sein, an einem Verkehrsunfall zu sterben.
Zack! – gegen den Baum und dann ist Ruhe…“
Mit solchen Sätzen und großem
Desinteresse habe ich mich dazu geäußert. Straßenkreuze
gehörten für mich zum Alltag, genauso wie rauchfreie Bahnhöfe
oder McDonalds. Erst als unsere Lehrerin uns mit dieser Aufgabe vertraut
machte, änderte sich meine Meinung schlagfertig. Da ich mich viel
mit dem Thema Tod und dem ganzen drum herum beschäftigt hatte, dachte
ich, dass ich das Ganze doch gut überstehen würde. Was ist schon
dabei, Kreuze zu fotografieren?
Es sind einfach nur zwei Holzbalken,
die zeigen, dass hier mal ein – für uns fremder – Mensch
ums Leben gekommen ist. Jedoch spitzte sich die Situation zu, als wir
ein Kreuz nach dem Anderen fanden. Es wurden immer mehr und ich glaube,
wären wir weiter gefahren, hätten wir wesentlich mehr entdeckt.
„Straßenkreuze? Schaut
rechts und links am Straßenrand, da sind überall welche.“,
meinte Herr Müller zu uns – und tragischerweise sollte er Recht
behalten. „Wie konnte es sein, das jemand auf gerader Strecke einen
Unfall bauen konnte?“; „Waren die Schmerzen so unerträglich,
dass sich der Verletzte nicht einmal mehr gegen den nahenden Tod wehrte?“
– es waren unglaubliche Gedanken.
Ich blieb an jedem Kreuz stehen,
faltete meine Hände und bat Gott darum, dass er diese Menschen beschützen
möge. Es war mehr als ein komisches Gefühl – ich fühlte,
als würde ich Grabschändung begehen, es wirkte fast entwürdigend.
Meine Finger zitterten, wollten den Auslöser nicht drücken…
Wir haben viel miteinander gesprochen,
auch um das Erlebte zu verarbeiten – und das saß enorm tief.
Vor allem auch bei mir: ich hatte Probleme mit dem Ein – und Durchschlafen.
Mich ließ das Ganze nicht mehr los und es war, als würde sich
eine unsichtbare Hand um meinen Oberkörper legen und mich gegen den
Autositz drücken. Allgemein hat sich auch meine Einstellung gändert.
Ich reagiere nicht mehr gleichgültig und spreche nicht mehr abwertend…
Es tut mir nur noch unendlich leid!
Gott möge die Menschen beschützen und auch das Leid derer, die
hinterblieben sind, lindern.
(Roxana Wuerden, 18 Jahre)
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